KUNST.GESPRÄCH – Alfons Lütkoff und die Blaue Dame

von Dr. Reinildis Hartmann

1905 in Iserlohn geboren und 1987 in Kotzenbühl Eiderstedt verstorben, war 1938 bis 1945 und 1948 bis 1968 Kunsterzieher am Städtischen Gymnasium Herten (damals Oberschule für Jungen, dann Mathem.-naturwiss. Gymnasium).

Die Blaue Dame von Alfons Lütkoff. Foto: Birgit Lange

Generationen von Schülerinnen und Schülern haben ihn als einen verständnisvollen charismatischen Pädagogen in Erinnerung, der sie in zahlreiche künstlerische Techniken einführte, mit behutsamen Ratschlägen und vorsichtiger Kritik half und ihnen das weite Feld der Bildenden Kunst in Bildbetrachtung und Gespräch erschloss. Da Lütkoff im Bereich hinter dem Kunstraum seinen Webstuhl positioniert hatte, dort auch malte, töpferte und an seinen Marionetten bastelte, erlebten seine Schüler den Lehrer auch als aktiven Künstler. Einige von ihnen waren der Einladung zum KUNST.GESPRÄCH gefolgt und konnten den Gedankenaustausch durch ihre Erinnerungen bereichern.Lütkoff hatte sein Kunststudium 1925 in Münster begonnen, an der Kunstakademie in Kassel und dann an der Staatlichen Kunstschule zu Berlin fortgesetzt. Als zwei Jahre vor dem Abitur der Vater starb, schien statt der freien Künstlerexistenz eine geregelte berufliche Tätigkeit ratsam, für den jungen Studenten jedoch kein Problem, da er sich ohnedies „eine tätige Beziehung zum Leben und einen festen Wirkungskreis“ (Lebenslauf, 1937) wünschte.
Abschluss des Studiums, Referendariat in Dortmund, Anstellungen als Assessor in Dortmund und Lüdinghausen waren deshalb die ganz normalen Stationen einer beginnenden Lehrerkarriere – die Zeiten hingegen waren alles andere als ‚normal‘. Während des Studiums hatte sich Lütkoff zunächst für die Neue Sachlichkeit interessiert, hatte von der Naturbeobachtung abstrahiert, die Wirklichkeitserfahrung modellhaft verein-facht, sich auf die Komposition konzentriert. Die Auseinandersetzung mit Cézanne und dem Kubismus brachte den Verzicht auf illusionistische Tiefenwirkung und den Umgang mit Formen und Flächen im Sinne des synthetischen Kubismus mit sich. Pablo Picasso, Fernand Léger und Georges Bracques waren die Vorbilder des jungen Künstlers, der dann auch zum kreativen Rezipienten des neuen Surrealismus wurde. Das hochformatige Ölbild „Stehender Heiliger, die Hände ringend“ (1935) demonstriert die originelle Verquickung formaler Inspirationen für ein tradiertes Sujet, mit dem der Maler auch die Ansprüche der ihm Unterstützung leistenden Verwandtschaft befriedigen konnte. Deutlich melancholischer wirken hingegen die Bilder aus den Nachfolgejahren, in denen naturalistische Landschaften mit surrealen Motiven in einen rätselhaften Diskurs treten. Signiert sind sie mit dem Pseudonym „Stefan Lagher“, da Lütkoff in der NS-Zeit den mühsamen Spagat zwischen Lehrertätigkeit und modernem Künstlertum zu bewältigen hatte.
Der Besuch der Weltausstellung in Paris konfrontierte ihn noch einmal mit den aktuellen Ansätzen der internationalen Kunst, dann zerbrachen Hoffnungen auf einen Auslandsauf-enthalt und schließlich suchte die Gestapo in Lütkoffs Atelier nach ‚verbotener‘ Malerei. 1937 musste er sich unter dem Druck der politischen Verhältnisse in die Anwärterliste der NSDAP aufnehmen lassen, zeitgleich beantragte er die Mitgliedschaft in der Reichskammer der Bildenden Künste. Dann stand der Ernennung zum Studienrat am Hertener Gymnasium nichts mehr im Weg.
Aus den Jahren 1939 und 1940 stammen die Werke „Bedrohung“ in der Kombination von friedlicher Landschaft und mysteriösen Formen, unter Verwendung von aggressiver Rotfarbe und irrealer Räumlichkeit; „Das Biest“ die Karikatur Hitlers über einem Handschuh à la Pittura metafisica, darüber ein Vogel, in die Freiheit fliegend; „Hungertuch“ unter dem fallenden Fallschirmtuch wird die scheinbare Idylle, nun dunkel beschattet, zur bedrohten Wirklichkeit; „Toter Baum“ die Industriekulisse mit dem einzelnen toten Baum als Allegorie des Unheils.
Diese Arbeiten, den Teilnehmern des KUNST.GESPRÄCHS in fotografischen Abbildungen vorgelegt, stehen exemplarisch für eine Kunst, die, wären sie in das – allzu getrübte – Licht der Öffentlichkeit geraten, als ‚entartet‘ gebrandmarkt worden wären. „Malen wollte ich, also musste ich malen wie die anderen“, heißt es in einem Brief von 1944. So ein scheinbar systemkonformes Bild ist das Porträt der Studienrätin Hildegard Droop, auch gerne als „Blaue Dame“ betitelt. Es befindet sich im Besitz des Städtischen Gymnasiums Herten. Lütkoff hat seine Kollegin (von 1935 bis zu ihrem Tod 1945 im Gymnasium tätig) gemalt, der er auch nachbarschaftlich, wenn nicht sogar freundschaftlich verbunden war.
Das Porträt zeigt eine sitzende junge Frau mit Hut, die ihren kritischen Blick dem Betrachter zuwendet. Die Farbe Blau, Farbe des Geistigen, des Intellekts, seit Picassos „Blauer Phase“ auch der Schwermut, dominiert das Bild, indem sie gleichermaßen den Bildgegenstand, hier Kleid und Hut, und den Hintergrund gestaltet. Während das abgedunkelte Rot des Halstuchs sich als potenziellen Kontrast zurücknimmt, leuchten zumindest die Hautpartien von Gesicht und Hand aus dem blauen Dunkel hervor, die Hand, schmal und zierlich geformt, von knochenloser Eleganz, das Gesicht verschattet durch die Hutkrempe, so dass nur das linke Auge den Blick des Betrachters bannt. Alfons Lütkoff hat das Bild gemalt, als ihm der freie Umgang mit Farben und Formen verboten war, und doch gelang ihm ein ganz besonderes Porträt, das auch nach siebzig Jahren nichts von seiner Eindringlichkeit eingebüßt hat.
Nach dem Krieg, nach „Kinderlandverschickung“, Volkssturm und Plünderung seiner Wohnung, lebte Lütkoff kurzzeitig in Iserlohn, arbeitete als freier Kunstmaler, Illustrator und Restaurator, bis er 1948 seine Lehrtätigkeit in Herten wieder aufnahm. Über den schulischen Unterricht hinaus engagierte er sich in der Erwachsenenbildung, betrieb zahlreiche Ausstellungen, war Mitglied in Künstlervereinigungen. Endlich konnte er ungefährdet Wege der Abstraktion gehen, blieb jedoch immer der Komposition verpflichtet.

Literatur: Uwe Haupenthal und Rainer Danne (Hg.), Alfons Lütkoff, Gemälde und grafische Arbeiten, Verlag der Kunst 2005 (Ausstellungskatalog)
Klaus Köster, 100 Meisterwerke westfälischer Kunst, Aschendorff 2011
In Vorbereitung: Ausstellung über westfälische Künstler der NS-Zeit (2013)

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