Helmut Bettenhausen im KUNST.GESPRÄCH am 29.Januar

Auf einer Staffelei, aufgestellt im schönen neuen Wintergarten von Hof Wessels, steht die etwa 1 mal 1 m große Frottage, die der Künstler Helmut Bettenhausen von einem Kanaldeckel auf Ewald abgerieben hat. Sie ist der Bezugspunkt für diesen Abend. Es wird – anders als angekündigt – kein KUNST.GESPRÄCH mit Helmut Bettenhausen über seine Frottage, denn der Künstler hat leider ganz kurzfristig krankheitsbedingt absagen müssen. Aber es wird ein KUNST.GESPRÄCH über Helmut Bettenhausen. Und ein – trotz der zwangsläufigen Improvisation – sehr informatives und unterhaltsames Gespräch, wie die rd. 20 Gäste am Ende wissen lassen.

Zu danken ist dies den Beiträgen von Heinz. H. Meyer von der Kulturinitiative Emscher Lippe K.I.E.L., der als Leihgeber der Frottage bereits in mehreren Projekten mit Helmut Bettenhausen zusammengearbeitet hat, den Beiträgen von Dr. Siegfried Gnichwitz, der den Künstler und seine Arbeit schon seit gut 40 Jahren kennt, von Volker Lindner, 1. Beigeordneter und Stadtbaurat, in dessen Dienstzimmer die Frottage hängt, und der Moderation und den Erläuterungen von Wolfgang Seidel.

Die gezeigte Frottage ist eine Abreibung mit Kohlestift auf Jutegewebe, die der Künstler im Jahr 2008 unmittelbar auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Ewald genommen hat.Die Frottage wirkt auf den Betrachter durch die unmittelbar anspringende Zeichenhaftigkeit. Wer sich von dem Wissen löst, dass es sich hier „nur“ um ein Abbild eines Kanaldeckels handelt, könnte meinen, ein Kunstwerk aus archaischer Kultur zu betrachten. Letztlich wird in der Frottage der hohe Gestaltungsanspruch sichtbar, den die industrielle Fertigung seinerzeit (das Alter des Deckels ist leider nicht bekannt) an ihre Produkte gelegt hat und damit Funktion und Form gleichermaßen im Auge hatte. Insofern wirkt die Frottage wie eine Reminiszenz an diese industrielle Epoche. Und bei dem besonderen Faible von Bettenhausen für Strukturen, insbesondere industrieller Materialien, könnte man annehmen, dies sei schon ein wesentlicher Aspekt für die Herstellung dieser Frottage gewesen.

Die explizite Bezeichnung „Öffnung“ oberhalb der Aussparung, in die der Haken zum Herausheben des Kanaldeckels eingeführt werden kann, erscheint eigenartig überbetont – welcher Nichtfachmann geht schon an einen solchen Deckel. Auf der Frottage tritt die Bezeichnung besonders hervor und verleitet dazu, virtuell den Deckel zu öffnen und hineinzuschauen, was sich dahinter oder darunter verbirgt. „Bettenhausen geht es auch um das ‚Unter dem Darüber‘. Deckel verschließen die Zugänge zu den unterirdischen Kanälen, die Schmutz- und Regenwasser aufnehmen und sie über Bäche (Vorfluter) in die Emscher abführen. Aus den Augen, aus dem Sinn.“ (Meyer). Die Frottage ist somit vor allem auch ein Verweis auf das „Labyrinth des Industriellen“, auf die unsichtbare Infrastruktur und Organisation unserer Lebensumwelt, mit der wir nicht so gerne konfrontiert sind.

Dieser Gesichtspunkt lässt Betrachtungen aufkommen, wie sich im Ruhrgebiet, auch im engsten Umfeld um die „Fundstelle“ des Kanaldeckels auf Ewald, diese Infrastruktur gerade verändert. Volker Lindner verweist auf die Reorganisation der Emscher und seiner zulaufenden Gewässer, auf die enormen Anstrengungen und positiven Landschaftsveränderungen, die dieser Umbau mit sich bringt bzw. ermöglicht. Auch die großen Projekte Ewald und Landschaftspark Hoheward sind besonders markante Ausschnitte aus dieser Transformation des Raumes, in der die Kanalinfrastruktur zwar nur ein Teil, aber ein maßgeblicher Teil ist. Dieses Assoziative und Sinnbildliche hat – wie er betont – bei ihm eine geradezu emotionale Beziehung zu dieser Frottage erzeugt.

Hierzu passt, dass Heinz Meyer die Frottage, die er 2008 vom Künstler erworben hat, dann 2009 als „seinen persönlichen Beitrag zur Anerkennung für das besondere Engagement der Stadt in der zukunftsweisenden Umgestaltung des Ewaldgeländes und des Landschaftsparks“ stellvertretend dem verantwortlichen Beigeordneten als Dauerleihgabe übergeben hat.

Helmut Bettenhausen hat sich zum Ziel gesetzt, an einem markanten Ort in jeder der 53 Ruhrgebietsstädte eine Kanaldeckelfrottage zu nehmen. 20 Städte soll er hierzu schon aufgesucht haben. Diese Arbeit ist Bestandteil eines regionalen Kunstprojektes, in dem es um die Wahrnehmung von Veränderungen und um die Zeit gehen wird. Der Künstler hofft, dass diese Serie von Frottagen auch die Veränderungen der Materialien und der Gestaltungen des industriellen Designs im Laufe der Zeit zum Vorschein bringt.

Die Frottage-Arbeiten verlängern den roten Faden der künstlerischen Aktivitäten von Helmut Bettenhausen, die in der Hinwendung des Künstlers zu den Materialien, Formen, Strukturen und Konstruktionen seines von der Industrie geprägten Lebensumfeldes und in der künstlerischen Auseinandersetzung damit zu sehen sind.

Bettenhausen ist 1935 in Wanne-Eickel geboren und in seiner Heimat verwurzelt geblieben  . Nach seiner Tätigkeit als Eisenstreicher, die er auch wegen der gesundheitlichen Gefahren im Umgang mit der Eisenmennige aufgegeben hat, studiert er an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. 1964 bezieht er sein bis heute dort existierendes Atelier in der ehemaligen Zeche „Unser Fritz“ 2/3 in Wanne-Eickel. Er ist Mitbegründer der heutigen Künstlerzeche „Unser Fritz“.

Ein wichtiges Ereignis in der Vita von Helmut Bettenhausen ist sicher die Mitgründung der Künstlergruppe „B 1“ im Jahr 1969, zu der sich ab 1968 schon neben Helmut Bettenhausen die späteren Unterzeichner Bernd Damke, Günther Dohr, Rolf Glasmeier, Kuno Gonschior, Friedrich Gräsel, Ewerdt Hilgemann, Franz-Rudolf Knubel, Ferdinand Spindel und Günter Tollmann zusammenfanden. Sie bezogen sich auf die das Ruhrgebiet symbolisierenden Straße B 1 (heute Bundesautobahn 40). Ihre betont nicht-gegenständliche künstlerische Gestaltungsweise bezog Technik und Ingenieurskunst ein und verwendete sehr häufig vorgefertigte Industrieprodukte und Werkstoffe der Industrie. In ihren Arbeiten setzten sie sich aber auch intensiv mit den Lebens – und Umfeldbedingungen im Ruhrgebiet auseinander. „In einem Manifest formulieren sie den Anspruch, die Autostraße B 1 in vielerlei Hinsicht zu verändern, ihre Umgebung aufzuwerten und die Fahrt auf ihr interessanter zu gestalten.“

Wie weit diese Künstler und mit ihnen Helmut Bettenhausen, ihrer Zeit voraus waren, zeigt sich daran, dass es bis zur IBA Emscherpark im Jahr 1999 dauert, bis diese Sichtweisen sowohl in der Kunst wie in der Architektur und in der Regionalentwicklung des Ruhrgebietes wieder Eingang fanden und nach und nach zur Umsetzung gelangten. Das Projekt „EmscherParkAutobahn“ A 42 wird sogar – ohne Bezug zu den Ideen der B-1-Gruppe – erst im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 in Angriff genommen. „Landmarken“ sind also bereits 1969 konzeptionell gesetzt worden.

In diese Zeit fallen auch die Projektentwürfe von Helmut Bettenhausen zu einer Marina am Rhein-Herne-Kanal und Ideen zum Wohnen am Wasser – Themen, die erst über 20 Jahre später Eingang in den Städtebau gefunden haben oder zum Mainstream der Architektur wurden. Auch Vorschläge zum Wohnen am Haldenhang gibt es bereits 1969 von Bettenhausen, zu einer Zeit, als Bergehalden nur als große Umweltlast des Ruhrgebietes gesehen wurden.

All dies zeigt die Verbundenheit Bettenhausens mit seinem Lebensraum, sein Verantwortungsgefühl für dessen zukünftige Entwicklung und seine – für Künstler typische – Fähigkeit, „quer“ zu denken und genre- und grenzenübergreifend zu arbeiten.

Die Frottagen setzen insofern auch eine Linie fort, die in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Grenzen gezeichnet ist. Das Aufzeigen und gleichzeitig Überwinden ist dabei die Absicht des Künstlers. Seien es die Arbeiten zu den Projekten „gRenzüberschreitung R“ 2009 mit dem „Erdtransfer“ in 53 Städten des Ruhrgebietes und der „Brücke über die Emscher“ 2011 oder der „Gahlenscher Kohlenweg“ mit dem „Triumphbogen der Kohle“ im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010.

„Kunst ist paradoxerweise oft die Speerspitze urbaner Transformationsprozesse“ antwortet Christoph Doswald in der Zeitschrift „Kunstforum“ (S. 143) auf die Frage, können urbane (künstlerische) Interventionen urbane Transformationen auslösen. Diese Aussage ließe sich sicher auch am Wirken von Helmut Bettenhausen belegen.

Warum aber muss es ein Kanaldeckel sein, etwas, das nahezu nicht beachtet wird, über das jeder nur hinwegschreitet? Warum ist ein banaler Gullydeckel Gegenstand künstlerischer Betätigung?

Dr. Gnichwitz sieht die Frottage gerade in ihrer thematischen Hinwendung als typischen Beitrag moderner zeitgenössischer Kunst. Nicht mehr das Erhabene, das Grandiose ist es, mit dem man sich befasst, das man künstlerisch zu fassen versucht. Mit dem Eintritt in die künstlerische Moderne gibt es zunehmend eine Hinwendung zum Einfachen, geradezu zum Banalen. Dr. Gnichwitz nennt hier den Begriff der „Enthierarchisierung der Kunst“. Die Gegenstände aus ihrem alltäglichen und „normalen“ Umfeld herauszulösen, sie sichtbar zu machen, sie damit auch neu zu deuten und in Bedeutung zu setzen, ist das Ziel zeitgenössischer künstlerischer Herangehensweise. Ein zweiter Schritt ist es dann, das Kunstwerk wieder an die Realität heranzuführen, es zu vermitteln. Auch der Ort, an dem sich ein Objekt befindet, der räumliche Kontext, entscheidet mit darüber, ob etwas als Kunst begriffen werden kann oder nicht. Die Frottage ist insofern unter Kunst-didaktischen Gesichtspunkten ein wunderbares Beispiel für diese Prozesse.

Nach fast zwei Stunden hat eine 1×1 m große Frottage eine Fülle von spannenden Informationen und Geschichten, Fragen und Interventionen für das KUNST.GESPRÄCH geliefert. Zweifellos lässt sich feststellen: Helmut Bettenhausen gehört zu den bedeutenden Wegbereitern einer originären Ruhrgebietskunst. Seine Kunst setzt sich fast immer mit seinem Umfeld auseinander, hat einen besonderen Fokus auf den öffentlichen Raum. Es ist nicht immer Kunst im öffentlichen Raum, aber fast immer Kunst aus dem und künstlerische Aussage über den öffentlichen Raum.

Ob die Interpretationen und Einschätzungen auch vom Künstler selbst geteilt werden? Helmut Bettenhausen hat angeboten, ihn in seinem Atelier zu besuchen. Die Initiative will dieses Angebot natürlich gerne annehmen und sich dann dort von ihm selbst über seine künstlerische Sichtweise und Arbeit informieren lassen. Ein Termin hierzu wird rechtzeitig bekannt gegeben.

 

Quellen:

  • www.helmut-be.de; Homepage Helmut Bettenhausen
  • Kunstforum, Bd. 212, Dez. 2011 – Res Publica 2.0, Stadtkunst als Bild, Text, Klang. Ruppichteroth 2011
  • Industrial Land Art im Ruhrland, hrsg. von Burkhard Leismann u. Uwe Rüth. Essen 2009
  • www.gelsenkirchener-geschichten.de ; Kunst bewegt Räume

 

 

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