„Zwischenraum“

Einführungsrede von Gregor Spohr zur Eröffnung

Am 30. Januar ist das Kunstwerk „Zwischenraum“ von Claudia Heinrichs als erste Arbeit des Projektes KUNST.RASEN eröffnet worden. Begrüßt wurden die Gäste im Namen der Initiative STADT.KUNST, die das Projekt ausgeschrieben hatte, von Wolfgang Seidel und vom Stellvertretenden Bürgermeister Alexander Letzel, der die Stadt Herten als Projektpartner vertrat.

Fotos: Dr. Rainer Lange

Fotos: Dr. Rainer Lange

aIMG_8191 a 1200

Gregor Spohr, ehemaliger Chef der Lokalredaktion der Hertener Allgemeine und Mitglied der Initiative STADT.KUNST, hat aus diesem Anlass zur Einführung in das Kunstwerk gesprochen. Wir geben die Rede im vollen Wortlaut hier wieder:

Der Duden macht es sich einfach: Der Zwischenraum ist der freie Raum zwischen zwei Dingen. Das ist ohne Zweifel richtig.

Aber wie viel mehr kann ein Zwischenraum sein?

In Zwischenräumen warten neue Ideen darauf, gefunden zu werden. Zwischenräume müssen immer neu geschaffen werden. Zwischenräume können Sehnsuchtsräume sein, Überschneidungszonen, passende Orte für Kreativität und intelligentes Gestalten.

Wir bewegen uns zwischen wechselnden Orten. Zwischen den Stühlen. Zwischen Terminen, zwischen gegensätzlichen Postionen und widersprüchlichen Konzepten.

Da kann Zwischenraum zum geschützten Raum werden, zum Ort persönlicher Freiheit.

Aber der freie Raum zwischen zwei Dingen kann auch zum dunklen Loch werden, zum Angstraum. Wer geht hier durch? Wer lauert darin?

aIMG_8206 a 1200

Für die Künstlerin Claudia Heinrichs, deren temporäres Kunst-Projekt mit dem Titel „Zwischenraum“ wir heute eröffnen, steht fest:

Mit Licht und einem Kunstrasen können aus dunklen Zwischenräumen, aus Angsträumen Traumräume werden.

Zwischen zwei Häusern. Zwischen Straße und Hof. Zwischen privat und öffentlich. Zwischen hell und dunkel. Zwischen zwei Kulturen.

Diese Einfahrt hier zwischen den Häusern Ewaldstraße 71 und 73 – sonst unbeachtet und nicht selten zweckentfremdet – wird vier Wochen lang mit einigen Quadratmetern Kunstrasen und zwei Scheinwerfern ins rechte Licht gerückt. Und mehr als das.

Claudia Heinrichs sagt dazu:

„Im Kreativ-Quartier Herten-Süd treffen unterschiedlichste Bewohner, Kreative und Gewerbetreibende aufeinander. Alte und junge Leute, Frauen und Männer, Unternehmer und Arbeitslose, Immobilieneigentümer und Hartz-IV-Empfänger. Sie haben die verschiedensten Ethnien und Religionen und damit verbunden andere, oft fremde Lebensweisen und wohnen dennoch Tür an Tür.

Das Projekt Zwischenraum soll auch durch die gemeinsame Installation der Einfahrt dazu beitragen, seine Nachbarn besser kennen und verstehen zu lernen und künftig gemeinsam eine intakte Nachbarschaft pflegen zu können. Es soll andere Eigentümer und Hausgemeinschaften dazu anregen, aufeinander zuzugehen und auch ihr näheres Wohnumfeld gemeinsam zu gestalten und zu nutzen und sich so mit ihrem Wohnumfeld und dem Kreativ-Quartier Herten zu identifizieren.“

v.l.n.r.: Gregor Spohr, Katrin Wegemann, Claudia Heinrichs

v.l.n.r.: Gregor Spohr, Katrin Wegemann, Claudia Heinrichs

Die Künstlerin Claudia Heinrichs, “geboren Mitte der 50er Jahre mitten im Ruhrgebiet als mittleres Kind einer mittelständischen Familie“, wie Sie es in ihrer Vita schreibt, ist nach ihrem Architekturstudium seit über 30 Jahren in der Stadtentwicklung und Stadtplanung in Herten tätig, wohnt nur wenige Meter entfernt, kennt hier jeden Winkel und ist Gründungs- und Vorstandsmitglied im Kreativ-Netzwerk Herten. Sie war mit künstlerischen Beiträgen unter anderem beim „Marler Kunststern“ und im Rahmen der Veranstaltung „Nachtkerzen“ vertreten.Ihr „Zwischenraum“ ist die erste von zwei Arbeiten, die von einer Jury aus neun Bewerbungen zum Projekt KUNST.RASEN ausgewählt worden sind.

Mit KUNST.RASEN will die Initiative STADT.KUNST den Stellenwert von Kunst im öffentlichen Raum stärker ins Bewusstsein rücken, will Impulse geben.

Und wie die Berichterstattung der letzten Tage und die Diskussion in sozialen Netzwerken zeigt, ist das schon vor der Eröffnung gelungen. Man spricht wieder über Kunst in dieser Stadt. Ist das nicht toll!

Die Arbeit von Claudia Heinrichs hat diese Einfahrt in den Fokus gerückt. Sie ist im besten Sinne Kunst im öffentlichen Raum. Denn diese Kunst reagiert dort auf das Leben, wo es passiert.

Die Künstler machen die Stadt zur Bühne, bringen Menschen dazu, sich unmittelbar an Kunst zu beteiligen. Kunst, die irritiert, Kunst, die inspiriert.

Claudia Heinrichs leistet mit ihrer Arbeit „Zwischenraum“ einen hervorragende Beitrag zum Projekt KUNST.RASEN.

Sie hat hier in dieser tristen Einfahrt gemeinsam mit anderen Kreativen und Anwohnern einen neuen Raum geschaffen. Sie hat aus einem Zwischenraum einen Kunstraum für alle gemacht. Die Anwohner und wir, die Zuschauer, sind Teil der Realisierung des Projektes geworden.

Es ist nicht Sache der Kunst, den Stadtraum zu verschönern. Oder mit spektakulären Events Effekthascherei zu betreiben. Man sollte sich davor hüten, diesen Kunstrasen und die Scheinwerfer, die ihn bei Bewegung anstrahlen, als Rezept für eine Art „Schöner Wohnen“ in Hauseinfahrten zu interpretieren. Aber es ist Sache der Kunst im öffentlichen Raum, kreativ auf Stadt-Strukturen zu reagieren, Missstände deutlich zu machen und sein Umfeld mitzubestimmen.

Und dies geschieht hier beispielhaft.

Der Zwischenraum trennt nicht mehr. Die Lücke, der Abstand, die Distanz, die Entfernung sind zur Verbindung geworden. Zwischen den Häusern – und zwischen den Menschen. Eine Situation, die hoffentlich nicht so zeitlich begrenzt ist wie dieses Projekt.

Im Internet habe ich eine Information zu besonders spannenden Zwischenräumen entdeckt.

Der New Yorker Neurologe Joseph LeDoux erinnert uns in seinem Buch „Das Netz der Persönlichkeit“ an die für den Menschen besonders wichtige Zwischenräume: Die Synapsen, die Zwischenräume zwischen unseren Hirnzellen. Mittels dieser Zwischenräume kommunizieren unsere Hirnzellen. LeDoux fragt: Sind wir also selbst Zwischenräume?

Am 28. Februar – und dazu lade ich Sie jetzt schon herzlich ein – findet hier um 12 Uhr die Finissage statt.

Wie wird er dann aussehen, dieser künstliche Plastikrasen, dieser Kunstrasen, bei dem der Begriff Kunst als Gegensatz zur Natur verstanden wird? Welche Spuren haben die Autos hinterlassen? Wird auf diesem Grün weniger Müll abgeladen? Locken Stühle zum Plausch mit dem Nachbarn? Wird er zum Spielplatz? Wird er beschädigt von Menschen, die alles beschädigen, was sie nicht verstehen?

Lassen wir uns überraschen. Es wird spannend bleiben in diesem Zwischenraum von Claudia Heinrichs. In diesem Raum, in dem sich Sprachen und Geschichten, Mentalitäten und Identitäten überlagern. In diesem Raum, der schon bei der Entstehung zu interessanten Begegnungen geführt hat.

Menschen neigen dazu, Weisheiten und Regeln zum Sprichwort zu machen. Wer in Literatur und Netz nach dem Zwischenraum sucht, wird allerdings enttäuscht. Lediglich aus Litauen ist ein Sprichwort überliefert.

Es heißt: Steck in den Zwischenraum Deine Ähre. Und es meint: Leiste Deinen Beitrag, gib etwas dazu. Ein Sprichwort wie geschaffen für das Projekt KUNST.RASEN und die Arbeit von Claudia Heinrichs.

Und dann gibt es da noch ein gerne von Psychologen und Anwaltskanzleien genutztes Zitat eines Philosophen namens E. Matani:

Der eine sieht nur Bäume – Probleme dicht an dicht. Der andere Zwischenräume – und das Licht.

Also: Bleiben wir beweglich – nicht nur, um Bewegungsmelder auszulösen.

 

Gregor Spohr